Zahnfehlstellungen

Fehlstellung der Schneidezähne

Zahn- und Kiefererkrankungen von Kaninchen sind ein zunehmend häufiger Vorstellungsgrund beim Tierarzt. Der Anteil der Zahn- und Kieferpatienten zwischen 11,6% und 25,1%, davon wiederum sind 44,6% bis 55,6% der Patienten wegen einer Fehlstellung der Schneidezähne in Behandlung.

Die Schneide- und die Stiftzähne

Das Kaninchen besitzt im Oberkiefer zwei Paar Schneidezähne, die hintereinander angeordnet sind. Das vordere Paar ist dabei deutlich größer und auch anders geformt als die kleinen und rundlichen Stiftzähne. Bei geschlossenem Kiefer und einer gesunden Kiefer- und Zahnstellung ruhen die unteren Schneidezähne zwischen den vorderen Oberkieferschneidezähnen und den Stiftzähnen. Die Zähne haben keine äußerlich sichtbare, abgrenzbare Wurzel, weshalb sie oft auch als wurzellose Zähne bezeichnet werden. Sämtliche Kaninchenzähne wachsen lebenslang jede Woche etwa zwischen 1,5 mm und 1,6 mm, wobei die Wachstumsgeschwindigkeit mit dem Alter zunimmt.

Ursachen und Folgen fehlgestellter Schneidezähne

Vielfach wird vermutet, dass als Heimtiere gehaltene Kaninchenrassen aufgrund der runden Kopfform und des kleinen Schädels eine angeborene Veranlagung für Zahn- und Kiefererkrankungen aufweisen. Tatsächlich können Zahnfehlstellungen genetisch veranlagt sein und vererbt werden.
Viele Zahnfehlstellungen entstehen jedoch erst im Laufe des Kaninchenlebens durch Zahnwurzelinfektionen, die durch das Nagen an Käfiggitterstäben, durch inadäquat durchgeführte Zahnkorrekturen oder durch Unfälle mit Schädeltraumata hervorgerufen werden.
Den größten Einfluss hat jedoch die Ernährung auf die Gesundheit der Zähne. Bei einer Fütterung mit Trockenfutter benötigen die Kaninchen wesentlich weniger Zeit zur Nahrungsaufnahme und -zerkleinerung. Zeitgleich verringert sich wegen der schnellen Sättigung auch der Konsum von Heu, wodurch die Zähne nicht mehr ausreichend abgerieben werden. Außerdem werden die Kaumuskulatur und der Zahnhalteapparat weniger beansprucht und gekräftigt, was wiederum eine Verschiebung der Zähne begünstigt. Wer einmal ein Kaninchen beim Kauen beobachtet, wird feststellen, dass es sein Futter nicht zerbeißt, sondern durch eine Hin- und Herbewegeung des Kiefers quasi zerschneidet. Die Kaubewegung ist also horizontal. Muss es härtere Dinge fressen – und dazu zählt auch schon eine Karotte – beißt das Kaninchen vertikal. Diese Kaubewegung ist für Allesfresser wie den Menschen oder Karnivoren normal; für Kaninchen wird es probelmatisch, da deren Zähne flexibel und wurzeloffen sind. Der Zahn wird durch diese unnatürliche Kaubewegung mit der Zeit immer stärker in den Kiefer hineingetrieben. Das Ergebnis sind entzündete Zahnwurzeln.
Die meisten Erkrankungen im Kopfbereich (z.B. Augenerkrankungen) werden durch Zahnerkrankungen herbeigeführt, aber auch Vitaminmangel und Verdauungsstörungen (z.B. eine Überwucherung mit Hefen) können auftreten. Die Zähne selbst können zu ernsthaften Verletzungen und Abszessen an den Mundwinkel, dem Gaumens oder sogar der Nase führen. Ohne Behandlung kann es sogar zum Tod des Tieres (z.B. Hungertod, starke Entzündungen) kommen. Die Untersuchung und Behandlung fehlgestellter Schneidezähne ist daher unerlässlich. Überhaupt müssen Sie, wenn Sie beobachten, dass Ihr Kaninchen „merkwürdig“ oder deutlich langsamer kaut oder dabei auffallend speichelt, sofort einen Tierarzt aufsuchen, der die Zähne, idealerweise im Rahmen mehrerer Röntgenbilder, eingehend untersucht und ggf. entfernt.

Diagnose und Behandlung einer Schneidezahnfehlstellung

Für die Untersuchung der Schneidezähne genügt es meistens, die Lippen des Kaninchens etwas hochzuziehen. Neben einer Fehlstellung sind auch Verfärbungen oder Querrillen Anzeichen einer Zahnerkrankung. Besteht der Hinweis auf weitere Zahn- und Kiefererkrankungen ist eine ausgedehntere Untersuchung notwendig. Eine gute Diagnosemöglichkeit stellen neben der Untersuchung mit dem Otoskop vor allem Röntgenaufnahmen dar.
Fehlgestellte Schneidezähne werden vorwiegend durch regelmäßiges Kürzen (etwa alle zwei bis sechs Wochen) behandelt. Eine Kürzung mit dem Seitenschneider oder Nageltrimmer sollte jedoch abgelehnt werden. Bei dieser Methode können die Zähne (auch innerhalb des Zahnfleisches) zerbrechen. Die Splitter können Kieferabszesse hervorrufen, deren Behandlung oft sehr schwierig ist. Außerdem behalten die Zähne sehr scharfe Kanten, die die Lippen und Maulschleimhaut verletzen können. Besser ist das Schleifen der Schneidezähne mittels einer Diamantscheibe. Diese Behandlungsweise hat neben der schonenderen Kürzung den Vorteil, dass keine scharfen Kanten zurückbleiben.
Für viele Tiere ist das regelmäßige Schleifen der Schneidezähne eine hohe Belastung. Deshalb kann in Einzelfällen ein operatives Entfernen der Schneidezähne sinnvoll sein. Dies trifft besonders auf Kaninchen zu, bei denen es auch durch die richtige Fütterung zu keiner Verbesserung kommt und bei denen selbst nach der Behandlung die Zähne ein Hindernis bei der Körperpflege darstellen.
Um die Knochenstruktur des Kiefers bewerten zu können, muss vor der Operation eine Röntgenaufnahme gemacht werden. Während der Operation werden erst die Stiftzähne und anschließend die gelockerten Schneidezähne entfernt. Es sollten immer sowohl beide Unter- als auch alle vier Oberkieferschneidezähne gezogen werden. Nach der Operation muss erneut eine Röntgenaufnahme angefertigt werden, um sicherzustellen, dass sich keine Zahnsplitter mehr im Kiefer und im Zahnfleisch befinden. Falls das Keimgewebe nicht vollständig entfernt wurde, können in seltenen Fällen die Zähne wieder nachwachsen.
Üblicherweise nehmen die Kaninchen schon einige Stunden nach der Operation bereits wieder selbstständig Nahrung zu sich. Heu kann problemlos gefressen werden, während das Frischfutter mundgerechte Happen geschnitten werden muss. Bereits nach kurzer Gewöhnungszeit kommen die Kaninchen sehr gut ohne Schneidezähne zurecht und die Lebensqualität erhöht sich meist deutlich.

 

Entfernte Schneidezähne

Prophylaxe

Eine Vorbeugung gegen das Überwachsen gibt es bei einer Zahnfehlstellung leider nicht, allerdings kann eine entsprechende Fütterung in manchen Fällen die Zeitspannen zwischen den Behandlungsterminen verlängern.
Nagehölzer und Nagersteine aus dem Zoohandel tragen jedoch weder zu einem ausreichenden Zahnabrieb noch zu einer gesunden Ernährung bei: Die Nagehölzer sind meistens aus Hartholz, welches mit einer Zuckerlösung benetzt wurde. Die Kaninchen fressen meist nur die süße Rinde und lassen das restliche Holzstück liegen. Sinnvoller ist es, den Tieren frische, ungespritzte Zweige anzubieten. Sie sind nicht nur gesünder, sondern unterstützen auch besser den natürlichen Zahnabrieb, da Kaninchen sich gerne an den Zweigen nagen und kauen. Nagersteine hingegen sind für den Zahnabrieb viel zu weich. Außerdem kann der ungeeignet hohe Mineralien- und Kalziumanteil zu Nieren- und/oder Blasensteinen führen.
Die Ernährung mit frischem Gras/Kräutern und Heu, ergänzt durch kleine Frischfutterportionen, stellt dagegen die bestmögliche Fütterung dar. Die Zähne reiben sich bei der Nahrungsaufnahme und zerkleinerung an ihren jeweiligen Gegenspielern ab. Es ist also weniger die Härte des Futters, als vielmehr die Beschäftigungsdauer mit dem Futter entscheidend für den Zahnabrieb. Die höchste Beschäftigungsdauer wird nachweislich durch die Fütterung Gras und Wiesenkräuter sowie Heu erreicht.

 

 

Abb. : Kaninchen nach der Zahn-OP. Jetzt klappt es auch wieder mit dem Heu mümmeln.

 

 

Quellen:

  • Untersuchungen zur Ätiologie und Behandlung von Zahn- und Kiefererkrankungen beim Heimtierkaninchen; Dissertation vorgelegt von Barbara Glöckner (Berlin 2002)
  • Untersuchungen zu möglichen Einflüssen der Rasse auf die Futteraufnahme und –verdaulichkeit, Größe und Füllung des Magen-Darm-Traktes sowie zur Chymusqualität bei Kaninchen (Deutsche Riesen, Neuseeländer und Zwergkaninchen); Dissertation vorgelegt von Birgit Zumbrock (Hannover 2002)
  • Kaninchen mit den Augen des Tierzahnarztes gesehen; Dr. Bernhard Lazarz; www.vet-dent-lazarz.de
  • Erkrankungen der Zähne und der Mundhöhle des Kaninchens, Dr. Bernhard Lazarz; www.vet-dent-lazarz.de
  • Zwergkaninchen als Zahnpatienten in der tierärztlichen Sprechstunde; Stefan Gabriel und Birgit Leopold-Temmler; www.vetline.de

Möchten Sie mehr über Kaninchenzähne wissen? Dann legen wir Ihnen die Webinare der Tierärztin Dr. Diana Ruf ans Herz. Sie vermittelt kaninchenspezifisches Wissen auf dem neuesten Stand, humorvoll und leicht verständlich. Außerdem empfehlenswert: das Buch „Warum leiden Hauskaninchen so häufig an Gebiss- und Verdauungsproblemen?“ von Estella Böhmer, ISBN-13: 9783965430846. Die Autorin ist akademische Oberrätin, Zusatzbezeichnung für Zahnheilkunde, und betreut die Heimtierstation an der Chirurgischen und Gynäkologischen Kleintierklinik der LMU München.